KRAFTWERK IM POSTHOF
Für Realisten war das Kino live! Am 16.10.1997 waren wir - Sandra, Thomas, Ingo und ich - im ausverkauften Posthof in Linz.

PUNKT ACHT
In Erwartung, auf das um Punkt 8:00 Uhr startende Klanggewitter, harrten wir auf unseren Sitzen. Als Referenz hatte ich mein letztes Kraftwerk Konzert im Kopf (Circus Krone in München am 28.10.1991). Aus der deutschen Pünktlichkeit wurde leider nichts. Es war bereits wenige Minuten nach 8:00 Uhr als das Konzert mit dem bekannten Schema began. Erst leise dann immer lauter werdend erklangen digitale Töne. Diese gute Idee um die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen klappte wieder.

LICHT AUS - ROBOTER AN!
Kraftwerks Begrüßung im klassichen Vocodersound. Vorhang auf - Nummern an! Wieder klassisch: noch kein Musiker zu sehen. Neonröhren an - Technik präsentieren! Die schönsten Pulte die es gibt. Video an - Timing perfekt! Bilderwechsel präzise zur Musik. Applaus - die Musiker kommen! Der Reihe nach von rechts nach links. Voll in schwarz - nüchtern und kühl! Erstes Arbeiten an den Maschinen. Ich bin wieder fasziniert und höre schon die klagenden Stimmen: denen fällt auch nichts mehr neues ein. Für mich ist es wie Kino. Ein so ausgezeichneter Film wie dieser läuft selten. Warum also nicht erneut ins Kino gehen und diesen wunderbaren Film genießen?

DER SOUND
Nun erst mal orten wer was macht. Aha - Aussteurungsanzeigen auf den Mixern sind aussagekräftige Informationsquellen. Doch was ist das? Da ist zuviel Sound - Überlagerungen, falsche Samples, der Takt aus dem Takt. Ein mahnender Blick von Ralf Hütter nach nebenan, verrät wo der Fehler zu suchen ist. Der neue sichtet das Problem, bedient ein paar Schalter und es klingt ist wieder klangklar. Der ganze Vorgang dauerte nur wenige Sekunden. Schön zu spüren, das da durchaus live gearbeitet wird. Wenn auch nicht viel. Aber im Kino zeigt mir der Regisseur auch nicht wie es gemacht wird, sondern läßt mich an seinem Ergebnis erfreuen. Und der Sound ist gewaltig. Der Bass ist wunderbar knackig, kein Klirren in den Ohren, trotz des Windhauches aus den Boxen. Meine Position ist wohl etwas seitenlastig - zumindest mangelt es an Steroeffekt.

NUR ALTBEKANNTES
Schnell wird zur Realität, was nahezu klar war. Wir sehen und hören das altebekannte Programm. Warum auch nicht? Ist es nicht besser das Schaffenswerk von Kraftwerk so stehen zu lassen wie es ist? Eben nicht neue Stücke zu präsentieren, die sicher gut sein könnten, aber die Einmaligkeit aufs Spiel setzen? Kraftwerk ist ein Synonym, eine feste musikalische Instanz, einst Arbeitsplatz für vier Mensch-Maschinen. Wie sehen die Alternativen denn aus?

MEISTERSCHÜLER
Entweder neue Stücke, die garantiert nicht an die vergangenen Qualitäten anknüpfen können. Was überhaupt keine Schande wäre. Denn die Welt hat sich geändert - und die Kraftwerker Meisterschule hat ihre Schüler gut ausgebildet. Zudem wählten die Lehrer Themen, die einst die Zukunft gewesen sind. Gleichwertige Themen sind mir kaum vorstellbar. Und das schlimmste: die Kritiker würden unberechtigterweise kein gutes Haar an ihnen lassen.

ZUKUNFT
Oder gar keine Auftritte mehr? Nach dem Ende von Neuveröffentlichungen jetzt auch das Ende in der Öffentlichkeit? Nie mehr Auftritte? Nie mehr diesen Film anschauen? Für die Jüngeren unter uns bliebe schon zu Lebzeiten nur die Erzählung und die Musikkonserve? Mich würde beides nicht freuen. Ich finde die Situation zwingt sie geradezu das zu machen was sie eben jetzt machen: das beste einfach noch besser machen, den Klang perfektionieren, von Ihren eigenen Jüngern lernen und ansonsten alles lassen wie es ist. Eins war mir aber wirklich neu: die Glatze von Herrn Schneider :-) Und damit zurück zum Konzert.

TECHNIK
Technisch war der Ablauf nicht so perfekt wie damals im Circus Krone. Die vier Leinwände, hinter jedem Musiker eine, sollen für das Stück "Die Roboter" heruntergelassen werden um die Sicht auf die dahinter versteckten Kraftwerk-Roboter-Klones freizugeben. Nicht nur das eine Leinwand klemmte und minutenlang irgendwie schräg in der Luft hing, auch drei Roboter funktionierten nicht. Nur Roboter Hütter schwenkte die Arme.

LIVE ODER BAND
Ganz toll, denn es wiederlegt eine Kritik von Sylvia Sommerfeld: "Nichts aber auch gar nichts kam live!" war "Boing, Bumm, Tschak". Das Stück fängt doch an mit "Boing, Bumm, Tschak" - übrigens wieder mit perfektem Timing auf den Videoleinwänden. Da vergaß plötzlich jemand seinen Einsatz und es ging nicht weiter im Song. Ernsthaft! Verduzte Blicke von Ralf und schnelle Reaktion von Florian, der wohl für die Samples verantwortlich war. So spielte er einfach mehrfach die Samples in völlig ungewöhnlichen Geschwindigkeiten quer über die Tastatur um die Lücke zu überbrücken. Nur die wenigstens habens wohl gemerkt. Fluchs wurden die richtigen Programme geladen und los gings... Peng.

Was übrigens wirklich vom DAT kam, war das Stück "Die Roboter". Da keiner die Instrumete bedienen konnte (die Mensch-Musiker blieben der Bühne fern um die Maschinen-Musiker zu präsentieren), bleiben die Aussteuerungsinstrumente aller vier Mixer dunkel.

DUBIOSE ANGELEGENHEITEN
Leidet Herr Schneider an Alzheimer? Oder warum hatte er einen Ordner mit auf der Bühne? Warum hat er den Ordner demonstrativ mit auf die Bühne gebracht, aufgeschlagen, darin geblättert und wieder mitgenommen, als er die Bühne verließ? Papier - wie anachronistisch für die Rheinländische-Tanzmusik, die schon Ende der Siebziger der Gitarre abgeschwört hat. Warum mußte einer der neuen Musiker kurz zu Herrn Hütter springen und ihm an dessen Pult etwas helfen? Noch dazu in dem Part in denen sie schon die fluroszierenden Spinnennetzgewänder trugen. Warum hat Herr Schneider praktisch nur Statist gespielt?

TASCHENRECHNER
Meiner Meinung nach der beste Part. Da standen die vier traditionell vor ihren Pulten im Direktkontakt mit dem Publikum und versuchten sich in Sachen tanzähnlicher Bewegung. Uijuijui. Ich hoffe doch, daß auch noch der letzte im Saal kapiert hat, welche Show Herr Schneider abzog, und damit preisgegeben hat, in diesem Stück nichts live zu spielen. Aber toll haben sie es gemacht.

NACH KNAPP ZWEI STUNDEN
Ich war sehr zufrieden. Die drei neuen Stücke zeigen, daß sie besser gar keine neuen Stücke mehr machen sollten. Doch freue ich mich schon auf ein Wiedersehen in einigen Jahren. Falls es noch eins geben wird - die zwei Gründer kommen in die Jahre. Nutzt die Möglichkeiten und lobt sie für ihr Werk nicht erst wenn sie uns verlassen haben. (1997)

MEMI
Diese Kritik war vor 10 Jahren für kurze Zeit auf » MEMI im Netz und ist dann in den Archiven verschollen. Es freut mich sehr, daß Frank Korf sie auf einem bis dato unbekannten Backup, wieder gefunden hat. Nach einer Überarbeitung findet sie nun endlich den richtigen Platz beim Autor.
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